Shades of Grey – warum macht das Frauen so an?

Am 14.02.2015 war so weit. Lang erwartet, oft diskutiert, endlich verfilmt. Der Erotikbestseller »Fifty Shades of Grey«  kam in die deutschen Kinos. Den Valentinstag hielten die Verleiher wohl für einen pfiffigen Termin, statt Blumen gibt es also 2015 die Peitsche.
Reflexartig schreibt das Feuilleton von einer literarischen Magersuchttherapie, Sadomasochismus im Blümchenstil oder einem skandalösen Frauenbild (alles Frankfurter Allgemeine/faz.net) oder von einem „süffigem Mix aus Porno und Romanze“, der „erbämlich schlecht geschrieben“ sei (beides Neue Züricher Zeitung / nzz.ch). Aber können Millionen LeserInnen weltweit irren? Auch die Facebook-Page zum Film hat bereits deutlich über fünf Millionen Fans. Klar, Millionen Menschen können sich irren, das hat die Geschichte ja oft genug bewiesen. Und sicher ist auch in diesem Fall der Herdentrieb nicht zu unterschätzen. Man will ja schließlich mitreden können – auch wenn man so etwas normalerweise natürlich nieeeeemals lesen würde. Wenn aber die beste Freundin davon schwärmt, dann kann ein Blick hinein ja nicht so schlecht sein. Und als verklemmt will man schon zehnmal nicht gelten. Seht her, ich bin sexy, offen und tolerant, da ist die FB-Page schnell mal geliked. Massenkompatible Erotik mit dem Hauch des Verbotenen. Das hat doch was. Und dann greift das Harry-Potter-Phänomen: sehr einfach geschrieben, schnell gelesen und verstanden, keine wirklich komplexe Story und nichts was nachhaltig wehtut oder ernsthaft verstört, sondern nur so weit man hier thematisch mitgehen möchte. Und so weit man es gut findet – oder sich eben aufregen möchte. Das ist der Stoff aus dem die ganz großen Erfolge gemacht sind, die Kunst den Geschmack der Masse zu treffen. Mal ehrlich: jede Frau wäre gern ein bisschen Ana Steele. Dieses Mischung etwas Verbotenes zu tun. Ein bisschen Abenteuer und Abwechslung in das eigene Leben zu bringen. Zu träumen, zu phantasieren. Und dann dieser… Mann. Was für ein Mann.

MACHT.FRAUEN.AN

Ähnlich wie bei 9 /1/2 Wochen von 1985. Die Zeiten haben sich scheinbar nur wenig geändert. Auch wenn man glaubt, in einer völlig anderen Welt zu leben. Mehr als eine  kleine Randnotiz: der damals noch sehr cool-attraktiv-anziehende Mickey Rourke hieß John Gray und auch sonst haben wir ein ziemlich ähnliches Set-Up zum 27-jährigen Milliardär Christian Grey, der dreißig Jahre später in dem Erotik-Bestseller für Furore sorgt. Gray war ein reicher Börsenmakler und S/M-Spielchen zwischen Dominanz, Macht, Erniedrigung und Abhängigkeit. Vielleicht auch Liebe. Man weiß es nicht.
Verboten und sündig. Dominanz und Unterwerfung. Normalerweise hätte ich geschrieben, dass diese Art Motive vor allem bei einsamen Hausfrauen mit spießigem Partner für feuchte Schlüpfer sorgen, aber der weltweite Erfolg und die Millionen von Fans durch alle Altersklassen und sozialen Schichten hindurch machen klar, dass dieser Nerv mehr ist, als nur ein Hausfrauentraum. Es muss sich um eine generationsübergreifende Key-Phantasie handeln.
Damit sind wir auch beim Thema: Ein zeitloses Motiv – was zweifelsohne mehr Frauen- als Männer-Phantasien beflügelt.
Die Sehnsucht nach einem Mann, der erfolgreich und dominant ist. Zum Ausliefern. Zurücklehnen. Einen starken Partner, der einem Wünsche erfüllt, aber auch seinen Preis fordert. In eine Welt zu blicken, die man sich sonst nicht traut. Um es mit Sean Connerys Worten zu sagen: „Frauen müssen ab und zu eins auf den Hintern bekommen. Manchen gefällt’s.“ Er hatte damit anderes im Sinn als die S/M-Rollenspielchen ala Grey oder Gray, wäre aber in jungen Jahren auch ein guter Protagonist gewesen.

Eine Feminismus-Debatte ist hier nicht angebracht. Das sind Phantasien. Uralt. Und sie bleiben im Normalfall Phantasien. Weil es solche Männer nicht wirklich gibt. Zumindest nicht in der benötigten Anzahl, um alle Frauenphantasien zu beglücken und mir ist bisher auch noch keiner begegnet, der das Gesamtpackage mitbringt. Es gibt ja auch keine Vampire oder Werwölfe wie in »Twilight«, so sehr sich die jüngere auch einen Edward Cullen oder Jacob herbeisehnen. Auch ist es kein Zufall, dass »Shades of Grey« zunächst als Fanfiction von Stephanie Meyers Twilight Saga erschien. Wir haben es mit der gleichen Zielgruppe zu tun. Und da geht es weniger um irgendein Rollenbild, sondern um Sinnlichkeit, Liebe, aber eben auch um harten, schmutzigen Sex. Das ist Zeitgeist. Das sind moderne Frauen. Und wenn so ein Film dazu beiträgt, mal was Neues auszuprobieren, kann es ja nicht schlecht sein. Im Zweifel geht es um gute einfache Unterhaltung und ein was-wäre-wenn-mir-das-passiert Szenario. Und die Realität ist nur in den seltensten Fällen so begehrenswert, wie in einem Buch oder Film. Gemeinhin gilt die Gesellschaft zurzeit ja als oversexed aber underfucked. Shades of Grey passt genau in diese Schema. Schon das Buch wurde mir übrigens am meisten von den Freundinnen empfohlen, von denen ich weiß, dass sie beim Sex eher das Licht ausmachen und am liebsten vorher noch zweimal duschen (danach natürlich auch, versteht sich von selbst). Will sagen: so ziemlich das Gegenteil von schmutzigem, leidenschaftlichem Sex. Aber nicht ohne den Hinweis, dass man durch das Kennenlernen einer anderen Seite der sexuellen Begierde offener werde und neue Ideen fürs Liebesleben bekommt. Und genau das scheint mir das Erfolgsgeheimnis zu sein. Auf jeden Fall werde ich mir den Film anschauen – und mit mir wahrscheinlich Millionen anderer Frauen auf der ganze Welt.

Bildnachweis:
2014 UNIVERSAL PICTURES / Screenshot YouTube Trailer

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About the author

Geschichtenerzählerin. LUSTig, Mag: CoconutKiss, Sommer, Strand, Urlaub, Reisen, Abenteuer, Schnee, Berge, Snowboard, Freundinnen, Bekanntschaften. Mag nicht: enge Räume und Höhlen. Augen verbinden, Diät. Mag besonders: Stories aufzuschreiben. Ob selbst erlebt, von Freundinnen gehört oder ganz intime Fantasien und reine LUSTgedanken - könnt ihr selbst entscheiden. Natürlich könnt ihr mich auch fragen - ich werde es euch aber garantiert nicht verraten ;-)
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